Die Versuchung des Hl. Antonius
Ein Betrachter, der versucht sein könnte, die Versuchung zu
entschlüsseln, findet hier den Roten Faden, der ihn durch das farbenfrohe
Labyrinth führt: Jedes Detail, selbst das unbedeutendste, enthält eine
Mehrdeutigkeit, eine kleine verborgene Metapher als Teil einer grösseren
Idee. Wie manche gotische Kathedralen, die dem oberflächlichen
Besucher nur als ein wunderbares Sammelsurium von Farben und Formen
erscheinen, in Wirklichkeit aber komplizierte, präzise und immens
phantasievolle Gebäude des Geistes sind, so enthält auch die
Versuchung
mehr als nur ein spielerisches Durcheinander von Archetypen und
Situationen. Ein großzügiger Beobachter könnte sogar eine schwache
Reflexion jenes glorreichen
Argot oder Art Got erkennen, der das
künstlerische Genie dieser besonderen Epoche in Regionen erhob, die nie
wieder erreicht wurden.

Parabel, Märchen und Symbol sind so alt wie die Menschheit selbst. Sie
weben sich wie schimmernde Glasperlen durch die Geschichte der
Zivilisation und diejenigen, welche sich die Zeit nahmen und sie in der
richtigen Reihenfolge auf eine Schnur fädelten, hielten am Ende ein
Kleinod in den Händen, das wertvoller war als alles Gold in der Welt.
Mit anderen Worten: Wer hätte etwa im kretischen Minotaurus unseren
inneren Belzebub erkannt, den es zu überwinden gilt?

Du, verehrter Betrachter ?

Anzumerken sei vielleicht noch, dass die
Versuchung beinahe zwei Jahre
Arbeit in Anspruch genommen hat. Thema und mit ihm die
verschiedenen Figuren änderten sich immer wieder, und schliesslich
erkannte ich zu meiner Verwunderung, dass das Gemälde eine Art
Eigenleben entwickelt hatte, welches mich solange an der Nase
herumführte, bis der letzte Pinselstrich seinen Vorstellungen entsprach.

Was natürlich nichts über die Qualität des Werkes aussagt, wohl aber
etwas über seine emotionale Essenz.

                                                        
 Manfred von Pentz  Juni 2019